Nähere Informationen zu "Das Kausalitätsprinzip musiktherapeutischen Handelns nach Schwabe"

 

Vorwort

 

Das Kausalitätsprinzip musiktherapeutischen Handelns ist das Kernstück der musiktherapeutischen Konzeption nach Schwabe. Dies ist ebenso wenig wie die Grundposition dieser Konzeption selbst am berühmten "grünen Tisch" erfunden worden, sondern Resultat permanenter Auseinandersetzung mit den Kontextbedingungen ihrer Entwicklung. Das heißt, wir haben es hier nicht mit einem abgeschlossenen Konzept zu tun, sondern mit einem dynamischen System, welches sich in ständiger Veränderung befindet, gleichsam dem Prinzip verpflichtet, der Weg ist das Ziel! Die Permanenz der Entwicklung folgt in diesem Zusammenhang nicht narzistischen Bedürfnissen, sondern stellt die notwendige Reaktion auf die ständig sich verändernden Bedingungen des therapeutischen Handelns dar.

Dass dies nicht mit Eklektizismus und/oder Multipragmatismus zu verwechseln ist, sondern auf Invarianten dieser Konzeption beruht, die gleichsam ihre wissenschaftliche Basis darstellen, soll im weiteren aufgezeigt werden.

Als Invarianten gelten spezifische Grundaussagen der Konzeption, die auch beim Eintritt bestimmter Veränderungen der Ausgangsbedingungen für das therapeutische Handeln unveränderlich bleiben und somit hohe Reagibilität garantieren und sichern, dass musiktherapeutisches Handeln sich auf die Belange der Patienten in den unterschiedlichen Anwendungsfeldern einzustellen vermag.

 

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte an der damaligen Abteilung für Psychotherapie und Neurosenforschung der Psychiatrischen Klinik des Fachbereichs Neurologie-Psychiatrie der Karl-Marx-Universität Leipzig ein interdisziplinäres Forscherund Therapeutenteam unter der Leitung von Christa Kohler eine Psychotherapiekonzeption entwickelt, die aus heutiger Sicht als richtungsweisend bezeichnet werden kann.

 

Offensichtlich wirkte das Eingemauertsein und die gesellschaftspolitische Ächtung der als obsolet geltenden psychoanalytischen und anderen tiefenpsychologisch orientierten Theoriengebäude als massive paradoxe Intention bei der Auseinandersetzung mit den vorherrschenden und geforderten, aber erstarrten orthodox materialistischen Positionen und dem ebenso durch intensives Literaturstudium vorhandenen sogenannten bürgerlichen Wissen über die Psychoanalyse und deren Folgeschulen. Diese Denkkonstellation brachte eigenständige erkenntnistheoretisch fundierte Positionen zum Unter- und Unbewussten im menschlichen Leben, Denken und Handeln hervor, die in der Konsequenz zu ebenso eigenständigen psychotherapeutischen und musiktherapeutischen Positionen führte.

 

Für die Entwicklung der musiktherapeutischen Konzeption Schwabes bedeutete dies, dass dieses, sich von althergebrachten Psychotherapieschulen emanzipierte, aber ebenso vom orthodox materialistische Dogma lossagende psychotherapeutische Denken zu einem ihrer Grundpfeiler wurde und bis heute auszeichnet.

 

Diese neue Psychotherapieauffassung - schulenübergreifend, integrativ und praxisorientiert - war und ist bis heute Garant für die hohe Integrationspotenz dieser musiktherapeutischen Konzeption in unterschiedliche psychotherapeutische, sozialrehabilitative und andere Behandlungs- und Anwendungskontexte.

 

Ein solcher Prozess, der sich in einer Zeit voller fachspezifischer und politischer Widersprüche sowie gesellschaftlicher Umbrüche mit existenzbedrohenden Ereignissen vollzog, ist im Rückblick schon ein gewaltiges Abenteuer, für andere, die andere Wegbedingungen hatten, meist nur schwer oder gar nicht nachvollziehbar.

 

Dieser Weg, den hier ein musiktherapeutisches Konzept ging, war im Laufe der Dezennien nicht ohne Außenbedrohungen vielfältiger Art gehbar. Denn auch in der alten DDR war beispielsweise der Teamworkgedanke, den Christa Kohler als medizinische Leiterin eines solchen interdisziplinären Teams vertrat, nicht allgemein anerkanntes und praktiziertes Gedankengut in Fachkreisen. Auch hier dominierte das, was unabhängig von jeweils bestehenden politisch gefärbten Ausgangsbedingungen überall nicht wegzudenken erscheint, nämlich machtpolitischer Existenzkampf versus demokratisch orientiertem Teamgedanken.

 

Die Vielgestaltigkeit unserer gegenwärtigen musiktherapeutischen Landschaft ist offenbar ein Ausdruck unterschiedlicher Entwicklungsbedingungen, aber auch unterschiedlicher Interessen und sich daraus ergebender ganz eigener Wege. Im Grunde liegt hier ein Schatz, den es zu heben gilt! Offenes und ehrliches Interesse, Neugier auf anderes Denken, was auch eigene Positionen in einem anderen ungeahnten Licht erscheinen lassen könnte, wären die Werkzeuge für diese Grabung. Nutzen hätten alle, denen das Ringen um gemeinsame Grundpositionen musiktherapeutischen Denkens und Handelns nicht zuletzt unter berufspolitischem Aspekt am Herzen liegt.

 

Es bedarf eigentlich nicht der Erwähnung, dass es vor allem projektives, eigener Angstabwehr dienendes, destruktiv ausgerichtetes, zumeist politisch motiviertes Agieren ist, mit dem dieser notwendige Entwicklungsschritt für unser Fach am effektivsten unterminiert werden kann.

 

Diese hier vorgelegte Abhandlung wendet sich an Musiktherapiestudenten und interessierte Fachvertreter unterschiedlichster musiktherapeutischer Provenienz und gibt einen Einblick in die Konzipierung und Umsetzung musiktherapeutischer Arbeitsschritte im Rahmen einer kohärenten Konzeption.

 

In diesem Sinne verstehen wir diesen nunmehr 17. Band der Crossener Schriften durchaus als einen "öffentlichen" Band und schicken ihn hier mit auf den Weg.

 

Im Frühjahr 2006

 

Christoph Schwabe, Vollmershain und
Axel Reinhardt, Dresden-Langebrück

 

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