Nähere Informationen zu "Dorfkirchen von Weimar Stadt und Land - Lebensspuren"

 

Vorwort

 

Unser Anliegen

 

Jedes Unternehmen hat einen Anlass, auch das unsrige. Es war die Suche und das glückliche Finden von einigen Dorfkirchen, in denen zusammenhängend Kunst gezeigt und Konzerte veranstaltet werden sollten. Das geschah dann auch im September 2001.

 

Inzwischen hatten wir schon mit dem Zeichnen von Weimarer Dorfkirchen begonnen, weil wir längst fasziniert waren von der Landschaft, den Dörfern in dieser Landschaft mit ihren Kirchen, zumeist in der Mitte des Dorfes.

 

Worauf wir uns aber bei diesem Unternehmen eingelassen hatten, das wurde uns erst im Laufe des weiteren Zeichnens und damit auch dem näheren Kennenlernens dieser Landschaft und ihrer vielfältigen Vergangenheit und Gegenwart deutlich: Um den Ettersberg geht kein Weg vorbei, und dieser Berg verkörpert die ganze Mixtur unserer eigenen Geschichte, vor der wir auch angesichts der wundervollen Dörfer mit ihren herrlichen alten Kirchen nicht die Augen verschließen können.

 

Ettersberg, das ist die sagenumwobene Vergangenheit unserer Heimat, das ist das Symbol für die sogenannte Klassik des deutschen Humanismus und der Kunst, und das ist auch das Vernichtungslager mit dem harmlos klingenden Namen "Buchenwald" (Himmler erfand für diesen Ort den Namen "Konzentrationslager Buchenwald/Weimar".)

 

Von sehr vielen Dörfern des Weimarer Landes aus ist dieser Berg zu sehen. Er schwebt als Horizont über den Dörfern und kann mit seiner Symbolik gar nicht außen vor bleiben, wenn wir uns den Kirchen dieser Dörfer, die Neubert und Harnisch als "Lebendige Steine" bezeichnet haben, zuwenden wollen.

 

Die nähere Beschäftigung mit den Dorfkirchen des Weimarer Landes führte schließlich auch zu der Jahrhunderte alten Geschichte, die dieses Land geprägt hat und die sich in den Kirchen, ihrem Werden, ihrer Zerstörung, ihrem Wiederaufbau, ihrer Veränderung und ihrer Erhaltung dokumentiert. Diese Geschichte ist die vom Behauptungswillen der Bewohner, von der kraftvollen Auseinandersetzung mit der Natur, von kulturvoller Gestaltung des Umfeldes, aber auch von zahlreichen Kriegen, von Bränden, von mutwilliger Zerstorung, von Nöten vielfältigster Art.

 

Schließlich fühlten wir uns konfrontiert mit vielfältigen Fragen nach der heutigen Funktion der Kirchen, nach der Identität der Menschen mit ihren Kirchen, nach Bedeutungswandel, nach Verfremdungen und fragten, ob das, was ist, ausreicht oder was geschehen müsste oder könnte, damit die Kirche als Mittelpunkt einer Ortsarchitektur wieder Mittelpunkt einer Architektur des Zusammenlebens in einer Dorfgemeinschaft werden konnte.

 

Die abgeschlossene, die verwahrte Kirche, entspricht der gegenwärtigen Realität, aber nicht unseren Vorstellungen.

 

Das Buch sollte ein poetisches Buch werden, kein Geschichts- oder Architekturbuch. Wir wollten sowohl in den Zeichnungen, aber auch in den Texten unsere persönlichen Empfindungen wiedergeben. Deshalb stehen da ganz unterschiedliche Texte nebeneinander, solche mit ganz persönlichem Bezug, Texte, die wir von anderen Autoren entlehnten und die uns geeignet schienen, die breite Lebensvertikale, also die Geschichte, mit der ebenso vielfältigen Lebenshorizontale, also der Gegenwart, anklingen zu lassen.

 

Die kurz gehaltenen Bemerkungen zu den architektonisch-historischen Merkmalen der einzelnen Kirchen, für die uns dankenswerter Weise das Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Thüringen nach Georg Dehio sowie die Dokumentation "Orgeln in Nord- und Westthüringen" von Hartmut Haupt zur Verfügung standen, verstehen wir nur als eine Ergänzung des eigentlichen Anliegens.

 

Es gab vielfältige Überlegungen über die Gestaltungsdramaturgie des Buches, und wir entschlossen uns zu einer alphabetischen Zusammenstellung. Diese reißt zwar einzelne landschaftliche Zusammenhänge auseinander, ermöglicht uns aber eher, die Gegensätzlichkeiten wie ein Mosaik zusammenzusetzen. Wir hoffen, dass so die ganze Breite und Tiefe und die Zusammenhänge dieser Gegensätze deutlich werden können.

 

Am Ende des Buches findet sich eine Zusammenstellung der Zeichnungen, die Rahel Klassen anfertigte. Sie übernahm auch die Auswahl der Texte von Eckermann und Semprun. Alle anderen Zeichnungen und die freien Texte stammen von Christoph Schwabe.

 

Dieses Buch ist ein ganz persönliches Buch. Wir zeigen hier etwas von unserem Verwurzeltsein mit dieser Landschaft, ihrer Geschichte und Gegenwart; wir zeigen aber auch etwas von unserer Betroffenheit, die diese Auseinandersetzung in uns auslöst, und wir zeigen etwas von unserer Hoffnung auf lebendiges und neues Leben mit und in den Schätzen, die uns von den Vätern überkommen sind.

 

Weimar und Vollmershain, im Sommer 2002

 

Christoph Schwabe und Rahel Klassen

 

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