Nähere Informationen zu "Erinnerungen des Großvaters Richard D."

 

Vorwort

 

Erinnerungsbücher haben - handelt es sich bei den Autoren nicht um zeitgeschichtlich herausragende Persönlichkeiten - aufgrund ihres privaten Charakters allgemein nur familiären Wert.

 

Sie an die Öffentlichkeit zu bringen, geht zumeist sowohl an den Intentionen derer, die sie schrieben, vorbei, als auch an einem erhofften Interessentenkreis, den es nur selten gibt.

 

Unser Großvater, Richard Dähne, dachte gewiss so. Als ihm sein Sohn, Kurt Dähne, unser Vater, einen Fragekatalog mit der Bitte vorlegte, diesen zu beantworten uns aus seiner Kindheit und Jugend zu berichten, wird er zunächst eher verlegen, wenn nicht erschrocken gewesen sein. Er, in einem kleinen sächsischen Dorf nahe Leipzig - in Koltzschen - geboren und aufgewachsen, hatte, wie er selbst schrieb, "nie daran gedacht", von sich aus "der Nachwelt einen Anhalt zu geben".

 

Dass der damals 70jährige dennoch der Bitte seines Sohnes nachkam, spricht sowohl für die Argumentationskraft unseres Vaters, der zeitlebens Interesse an seiner bäuerlichen Herkunft hatte, als auch für Großvaters eigenes Selbstbewußtsein; war er doch bei großer persönlicher Bescheidenheit stolz, sich trotz vieler Schicksalsschläge und Widerstände im Leben bewährt zu haben.

 

Die ihm von unserem Vater gestellten Fragen sind im Wortlaut nicht erhalten. Sie gehen jedoch aus der von Großvater vorgenommenen Gliederung seiner Aufzeichnungen ziehmlich genau hervor.

 

Auf 47 eng handschriftlich beschriebenen Seiten beginnt er mit den Erzählungen, wie sie ihm von den Vorfahren überkommen sind, schildert den Tagesablauf in dem kleinen bäuerlichen Gemeinwesen, wo er als Ältester von sechs weiteren lebenden Geschwistern im Jahre 1871 geboren wurde, informiert über das Feste-Feiern in Familie und Dorf, die schulische Bildung, Maßnahmen in Krankheitsfällen u.a.m. Seinen schweren Unfall, der ihn zwang, sein Dorf zu verlassen und in der Stadt Arbeit zu suchen, beschreibt er so sachlich und scheinbar emotionslos unterkühlt, als würde ein Anderer darüber berichten. Die Aufzeichnungen enden zeitlich mit der Gründung des eigenen Hausstandes und der Geburt der Kinder. "Ich will nun aufhören, die Ereignisse niederzuschreiben, da Ihr ja alles selbst mit erlebt habt" endet er seine Niederschrift. Kein Wort zuviel, jedem bleibt Raum, seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen einzubringen . . .

 

Der für unsere Familie so wertvolle Bericht lag wohlverwahrt ein gutes halbes Jahrhundert vor, wurde auch gelegentlich im familiären Kreis zitiert, ohne dass wir Anlass, wohl auch keine Möglichkeit sahen, ihn an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

Uns war bewußt, dass viele aus diesem sozialen Milieu stammenden Familien zu jener Zeit in dieser Landschaft hätten von ähnlichen Erfahrungen berichten können, wenngleich sie sicher selten aufgeschrieben worden sind.

 

Von Großvaters Jugendzeit trennt uns jetzt über ein Jahrhundert. Wir leben heute in einer Zeit überspannter Hektik, in einer "Erlebnisgesellschaft", vollgepowert mit Informationen aus aller Welt, gejagt von Nachrichten in der Spanne von Katastrophen bis "hightlights"; "happenings" jeder Art warten auf uns, "events" bemächtigen sich unser, medien-verfallen, persönlichkeits-zerfallen scheint keine Zeit zu bleiben, das Gehörte, Gesehene, Erlebte auch nur in Ansätzen zu verarbeiten. Frust und Sucht bemächtigen sich Vieler, das Leben macht in der "Spaßgesellschaft" irgendwie oft keinen Spaß mehr . . .

 

Wie unspektakulär ist Großvaters Leben dagegen verlaufen! "Langweilig" und "öde" werden vielleicht die Jüngeren sagen . . . Die Älteren, die sich erinnern, dass es einmal anders war, werden bei solchen Diskussionen zumeist still. Wie könnten sie erklären, was sich nur erleben lässt . . .?

 

Großvaters Bericht schließt mit der Feststellung: "Gemessen mit heute waren wir arm, . . . zugleich aber auch reich und zufrieden."

 

Wie konnte es zu solchen Unterschieden in der Lebenssicht, Lebenserwartung, -bewertung und -bewältigung kommen?

 

Woher resultieren die Defizite unseres heutigen Lebens? Wie können wir ihnen begegnen? Plötzlich wurden uns Großvaters Erinnerung über das Persönliche hinaus aus ganz anderen Gründen interessant und neu lesenswert.

 

Christoph Schwabe, der Musiktherapeut und Freund über Jahrzehnte, dem ich das Manuskript zum Lesen gab, reagierte sofort mit: "Das muß veröffentlicht werden!" Im Jahr der Jahrhundert/Jahrtausendwende hatte er selbst eine Tagung unter dem Thema "Musiktherapie - Lebensgenuss - Freude" abgehalten, mit einem dicken Fragezeichen hinter "Freude". Großvaters Aufzeichnungen interessierten ihn aus gleichem Grunde so sehr, dass er vorschlug, sie in die Veröffentlichungen der "Crossener Schriften der Musiktherapie" aufzunehmen, weil in ihnen Basiswissen enthalten ist, wie soziale Befindlichkeit und eigenen Lebenshaltung miteinander korrespondieren und "Glück" nicht mittels einer Droge herzustellen ist.

 

Unter den neuen Gesichtspunkten, dass sich in Großvaters schlichten Schilderungen Weisheit von großer Kraft verbirgt, dass Namen und Orte fast unwichtig und gleichsam austauschbar sind und dass die Aufzeichnungen dazu ermutigen könnten, Lebens- und Lebens-Bewältigungstrategien für die eigene Existenz neu zu überdenken, mögen Großvaters Berichte nun ihren Weg in die Öffentlichkeit finden.

 

Der Text, wie ihn Großvater schrieb, erscheint bis auf geringfügige Veränderungen, die der Verständlichkeit dienen, ungekürzt und in der von ihm vorgenommenen Diktion. Die von ihm alphabetisch gegliederten Abschnitte habe ich entsprechend ihrer Inhalte mit Überschriften neu versehen, bzw. sofern solche bereits vorhanden waren, wenn nötig, ergänzt. Die Zwischentexte aus meiner Feder sind schriftgestalterisch von diesen Texten abgesetzt und dienen teils der Ergänzung des Großvater-Bildes, wie es aus seiner Niederschrift spricht, teils mögen sie Brücken zur Gegenwart schlagen und ermutigen, sich selbst Gedanken zu machen.

 

Die von Christoph Schwabe nach einer gemeinsamen Fahrt in die Großvater-Landschaft gefertigten Zeichnungen nehmen absichtlich Abstand von konkreten Bezügen (wenngleich dem Ortskundigen diese oder jene Örtlichkeit "bekannt" anmuten mag). Sie wollen vielmehr den Charakter dieser schönen Gegend Deutschlands dem Betrachter nahe bringen, ihn einladen, sich auf ihr stilles, klares Wesen einzulassen, zuzulassen, dass sie ohne Worte zu ihm spricht und auf ihre Weise Ganzheiten spüren lässt, die uns offenbar abhanden kamen.

 

Diesen Buch will weder Teil einer "Familienchronik" sein, noch eine kulturgeschichtliche Dokumentation, wenngleich Elemente von allem, gleichsam als "Trägersubstanz", in ihm enthalten sind.

 

Es ist ein Bekenntnisbuch, dass zur eigenen Standort-Findung heute beitragen möchte. In diesem Sinne übergebe ich es - auch im Namen meiner Geschwister, Gisela Blechschmidt, geborene Dähne und Prof. Dr. Siegfried Dähne - allen, die auf eigener Wegsuche sind.

 

Weimar-Tiefurt, im Mai 2003

 

Dr. Ingeborg Stein, geb. Dähne

 

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