Nähere Informationen zu "Der alte Rietschel erzählt"

 

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Wer das Glück hatte, den im 83. Lebensjahr stehenden Konrad Rietschel erzählen zu hören, oder eine Lesung seiner Texte mitzuerleben, bekommt eine Ahnung davon, was ehemals die Weimarer Hofgesellschaft alljährlich im Sommer nach Tiefurt ziehen ließ, um hier zu "rustizieren", d.h. Landleben pur zu genießen.

 

Das war zu Zeiten der Herzogin Anna Amalia nicht anders als bis in das vorige Jahrhundert hinein, wo das herzogliche Kammergut und das als "Schlößchen" - nach Worten Goethes "recht artig zurecht gemachte" - ehemalige Pächterhaus gleichen Zwecken diente. Es ist neben der lieblichen Parklandschaft, die anmutig von der Ilm umschlossen - fast ist man geneigt zu sagen: umarmt - wird, der hier lebende Menschenschlag, der in seiner Bodenständigkeit, seinem bäuerlichen Selbstbewußtsein, seiner geraden Direktheit, Necklust und seinem Witz ein gesundes Gegengewicht zu höfischem Zeremoniell und Zwang bot.

 

Nur vier Kilometer von der ehemaligen Residenzstadt entfernt, hat der kleine Ort bis heute seine dörfliche Eigenart zu bewahren vermocht. Wohl weiß man von der großen Vergangenheit, ja, sonnt sich in ihrem Ruhm, doch wer so lange mit den Größten der Geisteswelt gleichsam auf "Du und Du" gelebt hat, weiß neben ihrer Bedeutung auch um ihre menschlichen Schwächen und Nöte und ist sich des eigenen Wertes umso bewußter.

 

Kaum an anderem Ort nahe der Klassikerstadt hat sich über die Jahrhunderte hin das Fluidum der großen Zeit Weimars so hautnah nachfühlbar erhalten wie in Tiefurt. An kaum einem anderen Ort aber wird auch die beruhigende Schönheit und Klarheit dieser Landschaft so unmittelbar zu Herzen sprechen wie hier, wo sich Geist und Natur bruchlos begegnen und zu einer Einheit des überzeitlich Klassischen vereinen.

 

Konrad Rietschels Erzählungen und Gedichte bringen in ihrer Schlichtheit und ureigenen sprachlichen Diktion dieses besondere Fluidum zum Schwingen, sie teilen auf ihre Art mit, was dem Autor, selbst fern der Heimat in Afrika zu Kriegszeit half, zu überleben. Dass Konrad Rietschel seinen Erzählungen trotz seines schweren Augenleidens eigene Zeichnungen mit auf den Weg gab, lässt einmal mehr schmunzeln und unterstreicht den hier allerorten vorhandenen Mut zur eigenen Kreativität.

 

Wenn einst die scharfzüngige Luise v. Göchhausen, Hofdame Anna Amalias, selbstbewusst bemerkte: "Was kümmert uns Weimar, wir sind die Tiefurter Nation!", so mögen wir Heutigen, in Abwandlung dieses Ausspruchs vielleicht sagen: "Uns (be)kümmert die Welt, aber wir sind dankbar für Oasen wie Tiefurt und Menschen wie Konrad Rietschel!"

 

Dass er in Vorbereitung der 800-Jahrfeier der Ersterwähnung Tiefurts im Jahre 2006 dieses Büchlein seinem Heimatort schenkt, danken wir ihm herzlich!

 

Dr. Ingeborg Stein
Weimar-Tiefurt im September 2004

 

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